Die Echsen unter London

Aus Kreiswanderer

Haltet mich für verrückt, aber es gibt sie! Ich habe sie gesehen, ich habe sie studiert, ich habe unter ihnen gelebt und ihre Sprache gelernt! Es gibt Wesen unter uns, die ihre Erscheinungsform ändern können, auf den ersten Blick wirken sie wie Menschen, aber sie sind etwas anderes: Mischformen aus Mensch und Tier, Reißzähne, Fell und Schlitzaugen sind keine Seltenheit, aber auch Nagerähnliche Backen oder Vogelfedern habe ich schon gesehen. Sie nennen sich Faunige und mit den Faunen der griechischen Mythologie haben sie durchaus Ähnlichkeiten, auch wenn es nicht immer Ziegen sind. Sich als Mensch unter ihnen zu bewegen ist schwierig. Sie sind äußerst misstrauisch und haben ihren eigenen Kodex, nach dem sie sich ihnen nicht aktiv zeigen dürfen, aber ich konnte sie über lange Zeit beobachten, bis ich mich ihren Verhaltensweisen anpassen konnte. Und irgendwann stieß ich auf sie. Überall ranken sich schon Theorien um die Echsenmenschen, aber ich habe sie gesehen! Ich habe mit ihnen gesprochen in der Sprache der gespaltenen Zunge, ich habe sie verfolgt bis in die letzten Winkel unter der Stadt. Sie können sich nicht verwandeln, daher bleiben sie im Verborgenen, die Faunigen sind ihre Gesandten. Nicht nur eine Kneipe wird von ihnen geführt, die Unterwelt der Stadt ist voll von ihnen. Lieferungen, Kommunikation, Ernährung und Informationsbeschaffung erledigen die Faunigen für sie, die Echsen bleiben in den Kanälen der Stadt, von denen aus sie die Geschicke leiten. Ich bin mir sicher, ihr Einfluss ist auch groß in den Regierungsbezirken der Welt. Auf ähnliche Art und Weise, nur dass sie dort vermutlich freier agieren können, weil alles geheim gehalten wird. Vorsicht vor den Echsenmenschen! Sie sind überall! Und jeder, auch Ihr Nachbar könnte einer ihrer Untergebenen sein!

— Flugblatt eines Geisteskranken, London 1932